Bild: iStock / Maryna Auramchuk

Nimm die Welt mit Deinen Füßen wahr: Taktile Wahrnehmung in der Kita fördern

Taktile Wahrnehmung umschreibt den Vorgang, wie wir mit Hilfe unseres Tastsinns, unsere Umwelt wahrnehmen und empfinden. Unsere Haut ist damit das wesentliche (und mit ca. zwei m² unser größtes) Organ für unseren Kontakt zur Umwelt und anderen Menschen. Durch die Nervenzellen in unserer Haut werden verschiedenste Nachrichten wie z. B. Wärme, Kälte, Druck und Schmerz an unser Gehirn weitergeleitet. Unser Gehirn kann so wichtige Informationen verarbeiten, abspeichern (auch emotional) und ein Leben lang darauf zurückgreifen. Unser taktiles System ist sehr ausgefeilt und effizient und reagiert automatisch auf diese Informationen mit z. B. schwitzen oder mit einer „Gänsehaut“. Während der Entwicklung des Menschen ist die erste Berührung im Uterus zunächst auf sich selbst gerichtet. Nach der Geburt erfährt das Kind Berührungen mit anderen Menschen und mit Materialien. Mit zunehmendem Alter nimmt das Sehen einen immer höheren Stellenwert ein und die taktile Wahrnehmung „verkümmert“ etwas. Viele Details eines Gegenstands lassen sich jedoch viel besser durch intensives Ertasten mit den Händen, den Füßen oder der Zunge herausfindenDies stellt eine wesentliche Grundlage für unsere kognitive Entwicklung dar. Daher hat das taktile Wahrnehmen unserer Umwelt eine nicht zu verachtende Bedeutung und muss, besonders in den ersten Lebensjahren, wertgeschätzt und gefördert werden. 


Oft antworten Kinder auf die Anforderung „Spür mal, wie fühlt sich das an?“ mit „Ich spüre nichts“ oder „Ich weiß nicht.“ Entsprechend unachtsam gehen Kinder mit ihren eigenen Grenzen und denen anderer um, können sich und andere verletzen, geraten in Konflikte und können sich dann schwer entspannen. Gerade aber die eigenen Grenzen zu kennen und Empfindungen und Körperteile richtig benennen zu können, stellt einen enormen Schutzfaktor für Kinder dar (z. B. vor Gewalt und Missbrauch).


Durch Reizüberflutung oder eine zu geringe Wahrnehmung der Reize können nicht alle Kinder mit allen Sinnen ihre Umwelt wahrnehmen. Bei Reizüberflutung empfinden Kinder Berührungen oder den Kontakt mit verschiedenen Gegenständen als unangenehm und meiden damit verbundene Spiele und Erfahrungsfelder. Bei Kindern, die Reize der Umwelt nur in abgeschwächter Weise wahrnehmen (z. B. geringeres Schmerzempfinden), wird gerade der Körperkontakt mit anderen oder Gegenständen gesucht. Dies kann, durch ein geringeres Bewusstsein dafür, zu einem ungestümen Umgang mit Gegenständen, Situationen und anderen Kindern oder Erwachsenen führen.

Kinder nehmen ihre Welt mit allen Sinnen wahr und verknüpfen ihre Erkundungen eng mit ihrem taktilen Sinn. Sie (be)greifen im wahrsten Sinne des Wortes die Welt für sich. Neben der eher passiven Sinneswahrnehmung sollte jedoch auch die aktive Nutzung unseres Tastsinns im Alltag gefördert werden. Es müssen nicht immer gezielte Spiele oder Angebote sein. Gerade im Alltag können Kinder auf die verschiedenen Reize intensiver achten und sich auf die Beschaffenheit der Oberfläche, den Druck, die Temperatur und besondere Reize konzentrieren. Voraussetzung ist die eigene Wahrnehmung und Sensibilisierung der Fachkräfte für dieses Thema und eine möglichst vielfältige Umgebungsgestaltung.

Gerade die Füße kommen oft zu kurz, wenn es darum geht, die Welt sinnlich zu erfahren. Die Füße sind im Vergleich zu unseren Händen jedoch viel sensibler und sollten unbedingt mit einbezogen werden. Die einfachste Methode ist es, die Kinder einfach mal barfuß laufen und mit nackten Füßen verschiedene Untergründe erkunden zu lassen. 

Gehen Sie selbst einmal barfuß durch Ihre Kita und Ihren Garten und erspüren die verschiedenen Untergründe. Wie fühlen sich Teppich, Fliesen, Laminat, Sisal und Kork im Vergleich an? Wie fühlt es sich an, über den Waldboden zu laufen und welche Untergründe sind angenehm oder unangenehm? Was kitzelt an den Füßen und/oder zwischen den Zehen? Wie verändert sich die Erde nach einem Regenschauer? Dies zu beschreiben und vielfältige Vokabeln für diese Erfahrungen und Empfindungen zu finden, stärkt gleichzeitig die Sprachförderung. Besonders jüngere Kinder kommunizieren eher nonverbal, nutzen Sie daher die Berührung, um Zuneigung, Nähe und Sicherheit auszudrücken und gehen in einen feinfühligen Berührungsdialog. 

Tipps für Ihre Praxis:

  • Überprüfen Sie die Bodenbeschaffenheit Ihrer Kita auf vielfältige Materialien und Untergründe. Ergänzen Sie dieses Angebot z. B. durch Sensorikmatten, Platten, Steine und Barfußpfade innen und außen. Diese können mit einfachen Materialien wie Naturmaterialien, Bodenbelag-Mustern o.Ä. leicht selbst hergestellt werden. Gefäße oder Tabletts können mit verschiedenen Materialien (wie Korken, Sand, Steine, Federn, etc.) befüllt und mit den Füßen erkundet werden. 
  • Unternehmen Sie einen Ausflug zu einem Barfußpfad oder Kneippbecken.
  • Lassen Sie die Kinder verschiedene Gegenstände mit den Füßen ertasten und erraten. Beispielsweise können dafür Alltagsgegenstände von einer Decke oder einer Kiste verdeckt werden oder Sie füllen Kartons mit einer passenden Öffnung mit unterschiedlichen Materialien wie Federn, Korken, Sand, Murmeln oder Styroporflocken. Wer möchte, kann sich dabei die Augen verbinden lassen.
  • Auch das Greifen mit den Füßen fördert die Motorik und damit die Sicherheit der Kinder. Lassen Sie die Kinder verschiedene Gegenstände (wie Fühlsäckchen, verschiedenen Bälle, Luftballons, Tücher, Seile, Filzscheiben o.Ä.) mit den Füßen greifen und transportieren (z. B. von einer Schüssel in eine andere) oder weiterreichen an andere Kinder (z. B. als Ritual im Morgenkreis). Der gesamte Körper ist hier angesprochen und die Koordination wird gefördert. 
  • Verschiedene Untergründe stellen immer Herausforderungen dar: Wie hoch muss ich die Füße heben, um nicht zu fallen? Oder wann muss ich einen kleinen Sprung machen, um ein Hindernis zu überwinden? Das Barfußgehen stärkt außerdem die Fußmuskulatur und die Kinder erlernen eine gesunde Gangart, bei der sie ihre Füße richtig abrollen. Bauen Sie kleine Hindernisse in Kita-Räumen, in Flurbereichen, oder Turnräumen und lassen Sie die Kinder alles barfuß erkunden, um diese Entwicklung zu unterstützen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: Kissenberge, Kissen mit verschiedenen Bezügen (seidig, rau, flauschig…), „Hühnerleitern“, große Bausteine aus verschiedenen Materialien, Kartons, Lauf-Strecken oder Steine lassen sich hierfür verwenden. Am besten geht dies im Garten. Achte Sie hier auf die Sicherheit, indem Sie das Außengelände auf Scherben etc. überprüfen.
  • Legen Sie einen Barfußpfad im Garten an. Dies geht fest installiert oder mobil wie oben bereits beschrieben.


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" Viele Details eines Gegenstands lassen sich (jedoch) viel besser durch intensives Ertasten mit den Händen, den Füßen oder der Zunge herausfinden. Dies stellt eine wesentliche Grundlage für unsere kognitive Entwicklung dar. "

Über die Autorin:

Peggy Bresnik, freiberufliche Referentin mit den Schwerpunkten Bildung und Erziehung der frühen Kindheit und Kitamanagement sowie Coach für Einzelpersonen und Teams

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